Angriff auf Happyland

Die Rollenspielszene als Schauplatz der Metapolitik

Als „vorpolitischer Raum“ werden die Teile der Zivilgesellschaft begriffen, die sich nicht explizit an das politische System wenden oder ihm angehören. Beispielsweise Clubs und Vereine, aber auch “Fandoms“. Dieser vorpolitischer Raum findet als Metapolitik wenig Beachtung in der Politikwissenschaft. Aber Nazis versuchen gezielt in den vorpolitischen Raum einzudringen , und ihre Ideen und Sprache unterzubringen. Wer die beiden Begriffe in eine Suchmaschine eingibt, findet erst Seiten über – dann von Rechtsextremen.

Vernetzte Fandoms

Gamer in Deutschland müssen sich aller spätestens seit dem Terroranschlag in Halle damit beschäftigen, dass Nazis versuchen ihre Szene zu unterwandern. #Gamergate offenbarte einer breiten Öffentlichkeit wie verbreitet Sexismus im Videospielbereich ist.

Die Mittelalterszene hat aber genauso damit zu kämpfen, dass sich die Nazis an der nordischen Mythologie vergangen haben und deshalb Nazis auch gerne mal in der Geschmacksrichtung „Mittelalterfan“ daher kommen.

Die Tabletop-Wargame-Szene, aus der ja Pen&Paper entstanden ist, spricht nicht nur Freunde von Strategie an, sondern auch rechte Militaristen .

Viele Rollenspieler sind Gamer und interessieren sich auch für Geschichte und Mittelalter. Die Rollenspielszene rekrutiert hat große Schnittmengen mit den vorher aufgelisteten Fandoms , und es gibt keine magische Wand, welche die Probleme abhalten könnte. Die Videospielbranche ist um ein vielfaches umsatzstärker, die deutsche Rollenspiel-Szene ist (noch?) sehr überschaubar. Dementsprechend weniger lohnend sind Unterwanderungs-Versuche. Wenn aber Lovecraft war ein Rassist , bereits eine kontroverse These ist, muss man sich von “bei uns in der Szene ist vieles besser”, verabschieden.

Bei dem größten deutschen Franchise, das schwarze Auge (DSA), waren zu Beginn drei Hippies zu Werke. Werner Fuchs, einer dieser Hippies, lässt keinen Zweifel daran aufkommen, wie er rechtes Gedankengut findet: er kritisierte unlängst schon das Hohlwelt-Setting von DSA, weil es sich da um eine Idee aus der rechten Ecke handelt. Auch so Dummheiten wie die Spezies mit der Gesinnung zu koppeln (alle Dunkelelfen sind Böse), gab es zwar bei Dungeons and Dragons, DSA hat solchen Schwachsinn nie gemacht. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau sowohl in den Regeln als auch in den meisten Regionen der Spielwelt, ist auch kein Merkmal mit dem man bei Rechten anschlussfähig ist.

Rechte Rethorik überall

Nichtsdestotrotz sehen wir in der gesamten Gesellschaft Versuche einer konservativen Revolution. Die Kontroverse um Inklusion und Diversität im Rollenspiel ist ein Teil einer größeren Debatte, manche sprechen von einem Kulturkampf. Wie sehr soll die dominante Gruppe die Bedürfnisse aller anderen berücksichtigen? In deutschen Foren und Facebook-Gruppen zu Rollenspielen und anderswo im Netz wird stolz verkündet, man würde weiterhin rassistische Bezeichnungen für Lebensmittel verwenden. Der aus dem frauenfeindlichen Gamergate stammende Begriff „Social Justice Worrior“ kurz SJW, oder das deutsche ebenso rechte Pendant Gutmensch taucht in gleicher Weise auf, wie in einer Diskussion darum, ob Flüchtlinge ertrinken sollen. Sind Leute die Gutmensch als Schimpfwort benutzen und gerne rassistische Bezeichnungen in Kinderbüchern erhalten wollen alle schlechte Menschen? Nein, sicher nicht. Aber sie helfen das overtone Window zu verschieben – Sie ändern die Grenze dessen was ein „Normaler Standpunkt“ ist. Ein einfaches Beispiel: in den USA ist es umstritten ob es eine allgemeine gesetzliche Krankenversicherung geben soll. In Deutschland fragt man sich wie sich diese Frage überhaupt stellt. Dass Overtone-Window ist in diesen Gesellschaften an ganz anderer Stelle. Der Begriff SJW hat eine Entwicklung durchgemacht, vor wenigen Jahren konnte man ganz sicher Sagen, dass nur Rechtsextreme so über Linke reden, inzwischen tun das auch Konservative. Genau das ist erklärtes Ziel in den Strategiepapieren der Rechtsextremen. Ihre eigenen Ideen werden sagbarer. Deshalb reagieren ich und andere so empfindlich wenn diese Worte verwendet werden. Die Kritisierten fallen dann aus allen Wolken, weil sie weder die Strategie noch die Idee des Diskurs-Fensters kennen.

Sie betreten Happyland – Politik muss draußen bleiben

Die Die Autorin Tupoka Ogette prägte für dieses „aus allen Wolken fallen“, den Begriff Happyland. Der geistige Aufenthaltsort weißer Menschen, die Rassismus einfach aus ihrem Leben ausklammern.

2:14 Tupoka Ogette erklärt die Metapher Happyland – https://youtu.be/amVaXJFXFFw?t=106

Der allergrößte Teil der Deutschen Rollenspiel-Szene ist ein solches Happyland. Das Ausklammern von allem „politischen“ in den Diskussionsregeln ist der Zaun des Happylands. Wer Probleme mit der Gesellschaft hat solle doch hier bitte darüber schweigen. Kritik an den Verhältnissen, die sich auch innerhalb der Rollenspiel Gemeinschaft widerspiegeln, sollen bitte woanders stattfinden. „Wir sind keine Rassisten, also ist hier ja wohl alles in Ordnung“

Der Essayband Role-Inclusive der Probleme der Rollenspiel-Szene thematisiert, rüttelt an den Toren Happylands und ruft: „kommt da raus!“ und die Happyländer rufen zurück: „uns gefällt es hier, lass uns in Ruhe!“

Mit diesem Bewusstsein lassen sich Abwehrverhalten gegen die bloße Erwähnung von Rassismus besser verstehen. Für den Happyländer ist „hier gibt es Rassismus“ gleichbedeutend mit „hier gibt es Rassisten“ entsprechend logisch reagiert er mit „Willst du etwa sagen ich bin ein schlechter Mensch?“.

Räume schaffen

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Diskussionen über das „politische“ oftmals als extrem anstrengend daherkommen. Vor allem im Internet erinnern „politische“ Diskussion an ein Kirmes-Karussell: Laut , aufmerksamkeitserregend, dreht sich schnell im Kreis und wenn man sich hinein begibt ist einem danach schlecht und man bereut es nicht einfach weiter gelaufen zu sein.

Es wird schwer den Betreiber*innen von Rollenspiel Foren zu erklären warum jetzt Diskussionen über die aktuelle Tagespolitik bei Ihnen Platz finden müssen. Es ist ein klassisches Identitätsproblem.  Ist das schon Politik? Gehört diese Diskussion noch zu dem, was die Rollenspiel Szene ist? Ist das noch mein Aventurien?

Es ist also an denen, dich Diversität und Inklusion auch zu Ihrem Thema machen sich eigene Räume dafür zu schaffen. Denn was als “politisch” angesehen wird, ist  selbst politisch. Der Status quo wird selten markiert. Heterosexuelle sind nicht „hetero“, sondern “normal”. Ist “Nazis raus” bereits Politik oder einfach nur eine Selbstverständlichkeit? Sich mit bestimmten Fragen nicht beschäftigen zu müssen ist ein Privileg. – Welche  Clubtür in der Stadt ist rassistisch? Keine Ahnung, ich bin weiß. Ich weiß nicht wie es sich anfühlt ein Rollenspielbuch auf zu machen und keine Abbildung zu finden, die mir ähnlich sieht. Ich bin immer „gemeint“ und angesprochen.

Weitere Informationen

Edit 20.02. : Rechtschreibung, Link zum Buch von „Roll Inclusive: Diversity und Repräsentation im Rollenspiel“ Feder und Schwert ergänzt

16 Kommentare zu „Angriff auf Happyland

    1. Anders gefragt. Du sagst:

      „Es wird schwer den Betreiber*innen von Rollenspiel Foren zu erklären warum jetzt Diskussionen über die aktuelle Tagespolitik bei Ihnen Platz finden müssen.“ und „Es ist also an denen, dich Diversität und Inklusion auch zu Ihrem Thema machen sich eigene Räume dafür zu schaffen.“

      Warum ist es wichtig, die Rollenspielszene mit Diskussionen aus der Tagespolitik in Berührung zu bringen? Was gewinnt das Spiel und die Diskussion um das Spiel davon? Warum ist es wichtig, wenn ich über Plottwists oder neue Rätsel für den Dungeon diskutiere, die politische Identität meines Gegenübers zu kennen?

      Und: Ist das für andere Fan-Szenen auch wichtig? Nähbegeisterte? Hobby-Angler?

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      1. Warum ist es wichtig, die Rollenspielszene mit Diskussionen aus der Tagespolitik in Berührung zu bringen?
        Es handelt sich eben nicht um Tagespolitik sondern eine der Grundfragen der Gesellschaft. Wie wollen wir miteinander Umgehen?


        Was gewinnt das Spiel und die Diskussion um das Spiel davon?

        Neue Perspektiven. Das Hobby wird zugänglicher. Aber es geht nicht um das Spiel es geht um die Menschen die es spielen beziehungsweise noch nicht Spielen.

        Und: Ist das für andere Fan-Szenen auch wichtig?
        Ja, für die gesamte Gesellschaft.

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  1. Bei solchen Diskussionen würde ich mir eine sauberere Verwendung der Begriffe „konservativ“, „rechts“ und „rechtsradikal“ wünschen. Wird das alles durcheinandergemengt, ist es sehr schwierig, den Verfasser und seine Thesen politisch einzuordnen.
    Wir leben nun einmal in einer pluralistischen Gesellschaft, da ist, diesseits von eindeutig radikalen Positionen, sehr viel Raum für Meinungsverschiedenheit und Diskussion.

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  2. Ich musste wirklich auf viel deiner Links klicken und Drittartikel lesen, um erraten zu können, wann du „rechtsradikal“ meinst und wann „konservativ“. Das ist ja wichtig, damit ich weiß, ob du „linksradikal“ bist oder „progressiv“. 😉

    Zum Inhalt: Ich habe im RSP-Bereich online noch kein gezieltes Unterwandern Rechtsradikaler ausmachen können, lediglich Meinungsäußerungen Einzelner mit sehr konservativen bis merkwürdigen Ansichten (bez. Frauenrollen in der Fiktion oder bez. der Verwendung des Wortes „N****“).
    Ich denke, es ist nicht hilfreich, den Andersdenkenden begrifflich zu brandmarken oder aus einem Forum zu bannen. Dialog statt Abschottung.
    Verwandtes Thema: Umgang mit AfD-Waehlern. Es nützt nichts zu sagen „Wer die Hoecke-Partei wählt ist ein Nazi.“ Davon verschwinden die ja nicht aus der Gesellschaft.

    Edit durch Glumbosch: N-Wort ausgesternt.

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    1. Reconquista Germanica hat in Deutschland gezielt probiert online Fandom’s zu infiltrieren https://www.swr.de/swr2/leben-und-gesellschaft/dokumentation-von-funk-ueber-rechtsextremistisches-netzwerk-reconquista-germanica,article-swr-11346.html
      Nachfolge-Organisationen existieren sicherlich.

      Die Wissenschaft steht noch aus, was Sprache und Radikalisierung und gelungenen Umgang mit antidemokratischen Personen angeht.

      Exit Deutschland ist, meines Wissens nach, die einzige Institution die dazu wissenschaftlich Arbeitet.
      Zum konkreten Thema zwei Beiträge aus dem Exit Journal:
      http://journals.sfu.ca/jed/index.php/jex/article/view/13
      http://journals.sfu.ca/jed/index.php/jex/article/view/57

      Bemühung um Anschlussfähigkeit bei Subkulturen kann man am Beispiel der autonomen Nationalisten sehen:
      https://www.bpb.de/autonome-nationalisten

      Wenn man sich anhört was Aussteiger*innen dazu bewegt hat von Ihrer Ideologie ab zu lassen, wr es häufig die Ausgrenzung und die Ablehnung.
      Der Unterschied ist, man kann aufhören Extremist zu sein, zum „Fremden“ machen einen andere.

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      1. Danke fürs Wiederherstellen! Immerhin hat Seanchui sich mutig als Verfechter Happylands der Diskussion gestellt.

        Nun muss ich dich doch nicht als „Glumbosch der Lösch-Zwerg“ betiteln. Aber vielleicht als Editor-Wichtel? Ist leider nicht gleich lustig. 😉

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  3. Wahrscheinlich neige ich dazu, meine Meinung zu kurz zu fassen.

    Ich möchte nicht den guten Gedanken in Abrede stellen. Der Umgang miteinander und untereinander darf gerne kritisch hinterfragt werden. Ich halte die Vorgehensweise für falsch, aber das ändert nichts an dem guten Gedanken.

    Schlussendlich würde ich mir aber für jeden Artikel, der sich mit diesen Themen beschäftigt wünschen, der Autor hätte seine Zeit in Dinge gesteckt, die das Spiel nicht auf einer Meta-Ebene sondern im direkten Kontext bereichern. Meiner bescheidenen Einschätzung nach hätten da alle Beteiligten mehr von. Denn so werden nur immer mehr „Karuselle“ aufgebaut, nach deren Fahrt es allen Beteiligten schlecht geht – wie Du selber schreibst.

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