Kolonialistische Elemente in „Das Schwarze Auge“

Rollenspiel ist ein wunderbares Hobby. Im Fall von „Das Schwarze Auge“(DSA) gibt es eine große und lebhafte deutschsprachige Gemeinschaft. Eine Vielzahl von Historikern, Mittelalterswissenschaftlern und auch begeisterten Laien mit viel Wissen in diesen Fachgebieten tragen zur Spielwelt bei, ob als „offizielle“ oder als Fans. Menschen entwerfen Rechtsdokumente, die auf historischen Vorlagen aufbauen, achten darauf, dass historische Waffen und Gewandungen möglichst akkurat dargestellt sind und vieles mehr. Im Kontrast dazu  fällt aber auch auf, wie wenig Orientalistik, Afrikanistik und Ostasienwissenschaften vertreten zu sein scheinen. Alles was sich nicht mit der Geschichte des historischen Europas beschäftigt, wird in den Darstellungen immer Skizzen- und klischeehafter je ferner, je „fremder“ es aus europäischer Sicht ist.

Das zeigt sich darin, dass „Das Schwarze Auge“ einen starken Fokus auf eine fantastische Darstellung von Europa legt. Das relevanteste Pantheon ist eine Mischung der hellenistischen und nordischen Mythologie. Die Fabelwesen stammen überwiegend aus der europäischen Sagenwelt. Die meiste Fläche Aventuriens, des Hauptkontinents der Spielwelt,  lehnt sich an reale Länder dieser Welt an, die wir als „westlich“ bezeichnen. Allen voran das Mittelreich, welches stark an Deutschland im „Mittelalter“ erinnert.

Das ist auch erst einmal vollkommen in Ordnung und legitim. „Das Schwarze Auge “ ist ein deutsches Rollenspiel. Es wird auf das zurückgegriffen, was in der Kultur des Landes verankert ist, was geteiltes Wissen in der Spielgemeinschaft ist.

Hat man aber den Anspruch, eine Spielwelt zu haben, die für Menschen aus vielen Kulturen ansprechend sein soll und glaubt, dass Menschen nicht von plumpen Darstellungen von Elementen ihrer Kultur angesprochen werden, dann ist das durchaus ein Problem. DSA fokussiert sich extrem auf Aventurien und hat, anders als z.B Dungeons & Dragons nicht viele aktive Settings.

Wenn Aventurien verletzende Stereotype reproduziert, dann disqualifiziert sich DSA für die Betroffenen insgesamt. Natürlich besteht theoretisch die Möglichkeit, sein eigenes Setting zu gestalten, aber warum sollte man dann als Angehöriger einer marginalisierten Gruppe nicht mit einem System anfangen, die von vornherein nicht mit gedacht ist? Das ist eine der Sachen, die man mit Ethnozentrismus riskiert. Im folgenden beziehe ich mich nur auf DSA5, das ist die Edition die ich spiele.

irdische Vorbilder von Gebieten Aventuriens nach eigenem Eindruck

Des einen Leid, des anderen Abenteuerschauplatz

Vieles an der Welt von „Das Schwarze Auge“ ergibt keinen Sinn. Drachen (Wivern) funktionieren aerodynamisch und biomechanisch nicht, die Stadt Gareth ist ohne Gewässer eigentlich nicht überlebensfähig. Versteht man die Spielwelt als Kulisse, so ist das in Ordnung. Die Spielwelt ist ein Werkzeug, um tolle Abenteuer erleben zu können. Es mag keinen Sinn ergeben, dass innerhalb vom wenigen hunderten Meilen der technische Fortschritt so ungleich verteilt ist, aber es ist toll um einer Gruppe schnell verschiedene Kulissen anzubieten. Die Detailtiefe Aventuriens spricht zwar eher dafür, dass es den Anspruch hat als schlüssiges Gesamtwerk zu bestehen, aber bleiben wir dennoch dabei, Aventurien als Kulisse zu begreifen.

Wenn sich die Spielwelt sehr deutlich an realem Unrecht orientiert, dann ist es wichtig, das Leid der realen Opfer nicht zu trivialisieren und die Taten nicht zu verharmlosen. Bei Rollenspiel-Settings rund um den zweiten Weltkrieg wird vorsichtig damit umgegangen: die Faschisten sind nicht sympathische Helden. Auch die Darstellung des US Militärs und ihrer Einsätze in Rollenspielen ist selten unkritisch positiv.

Kolonialismus dient auch immer wieder als Kulisse. Der Schrecken und das Leid, welches der Kolonialismus für viele Kulturen darstellt, die gnadenlose Ausbeutung alle Völker, die sich nicht wehren konnten, findet dabei viel weniger Erzählraum. Nicht nur im Rollenspiel auch in Abenteuerfilmen und anderen Elementen der Popkultur: Viele Leute werden zum Karneval wieder fremde Kulturen als Kostüm tragen und alle Kritik daran als „absurde political Correctness“ abtun. Wer jetzt schon wütend in die Kommentarspalte scrollen will, könnte darüber nachdenken was eigentlich »Cowboy und Indianer« weniger geschmacklos macht als »Preuße und Herero«. Wem das letzte Paar nichts sagt, kann bei Jan Böhmermann eine humoristische Erinnerung bekommen.

Es ist notwendig diese Geschichten zu erzählen; in deutschsprachige Ländern wissen wir viel zu wenig über Kolonialismus und Imperialismus. In meinem Leistungskurs Geschichte ist das Wort Herero nie gefallen. Rollenspiel kann ein Weg sein, solche Geschichten zu erfahren. Aber zu oft ist die Darstellung sehr einseitig. Immer wieder laden uns Medien ein, den Kolonialismus aus Sicht der Invasoren zu sehen.

Das Südmeer

Eine solche Einladung ist zum Beispiel die aventurische Region Südmeer. Das Südmeer ist eine Vermischung aller Inselgebiete, in denen es warm ist, allen voran tropischen Inseln. Die einheimische Bevölkerung des Südmeers stammt aus Uthuria. Zwar erwähnt der Quellenband Aventurischer Almanach (kurz AA) aus 2016 die Möglichkeit, Utulus als Spielercharaktere zu wählen, aber die genannten Abenteuervorschläge werden alle aus der Perspektive der weißen Invasoren beschrieben. Die Region bekommt den Charakter einer Attraktion für Wildnis-Abenteuer „im tiefen Dschungel oder unter fremden Eingeborenen“ AA S.67. Wenn die indigene Bevölkerung nach wie vor fremd ist, dann kann man auch nicht von einer pluralistischen Gesellschaft ausgehen. Was Rechtsextreme in Deutschland befürchten scheint für die indigene Bevölkerung im Südmeer Realität: Sie sind fremd im eigenen Land. Als fremd werden die Menschen in den meisten anderen Regionen von Aventurien nie beschrieben. Utulus sind in Uthuria heimisch. Uthuria erscheint mir als die DSA Version von Afrika. Bezieht man DSA4 Quellen ein, wird klar, dass eher Südamerika als Vorbild gedient hat. Beides waren Kolonialgebiete

Afrika/SüdamerikaUthuria
liegt südlich des Kontinents in dem die Weltgeschichte abläuft
Wird von dunkelhäutigen Menschen bewohnt
Einwohner*innen sind „primitiv“
Kolonialgebiet für Weiße
Großer Kontinent
Ist Uthuria Afrika? Ein kleiner Vergleich in Tabellenform

Die Autor*innen betonen also die Exotik. Zu betonen was fremd und anders ist, wird in der Sozialpsychologie als Othering bezeichnet und als eine Grundlage der Diskriminierung angesehen. 

Das Südmeer wird als Stützpunktkolonie „als Wegmarke und Toröffner zu uthurischen Schätzen begriffen“ – AA S.67.

Die bereits an die Karibik und die Kolonien dort angelehnte Region Südmeer ist nur von Bedeutung für die Ausbeutung des Kontinents Uthuria. Vielleicht kommt ja in einer folgenden Publikation zur Sprache, was diese Entwicklung für die Menschen in Uthuria oder im Südmeer bedeutet. 

Die zentralen Regionen des Kontinents sind – wie eingangs dargelegt – Projektionsflächen für weiße Europäer*innen. Genauso wie das reale Vorbild bemüht sich dieser Teil der Welt alle anderen Regionen schnellstmöglich zu unterjochen und auszubeuten. Das hilft es auch wenig, wenn Al’Anfa, die zweite große Kolonialmacht nicht ausschließlich weiß ist. Die irdischen Bezüge sind eindeutig.  „Die Erforschung, Kartographierung und Kolonialisierung einer unbekannten Welt ist das Hauptthema des Südmeers.“ liest man im Aventurischen Almanach auf Seite 68. Kolonialisierung ist also geeignet für unterhaltsame Abenteuer.

“Normal is an illusion. What is normal for the spider is chaos for the fly.”

― Charles Addams

Die Darstellung des Prinzen von Uthuria in der Ingame Zeitung „Aventurischer Bote“(Rezension auf Nandurion ) schlägt leider in dieselbe Kerbe: Der Prinz ist nur Objekt statt Subjekt, er hat keine eigenen Ideen. Man hätte den Prinzen ohne viele Probleme durch einen großen Diamanten ersetzen können. Man fühlt sich bei der Präsentation des Prinzen an Völkerschauen aus Kolonialzeiten erinnert.

Oftmals sind diese Darstellungen Ansichten von Figuren in der Welt (sog. ingame Text). Aber Reproduktion von Klischees ohne Einordnung bleibt problematisch. Viele der oben genannten Stellen sind aber nicht ingame Text. Und immer  fehlt mir eine einordnende Randbemerkung. Solche Einordnungen macht Ulisses bei anderen Themen bereits. Zum Thema sexualisierte Gewalt hat eine Einordnung in der Regionalbeschreibung „Dornenreich“ Platz gefunden.

Ein Beispiel für eine Einordnung in einer Regionalbeschreibung

Uthuria findet in DSA5 nicht statt, dafür gibt es viele praktische Gründe. Leider sorgt das dafür, dass in Dere genau das selbe gilt wie auf der Erde: in den Medien , im Denken und im wahrgenommenen Weltgeschehen spielt der schwarze Kontinent keine Rolle. Ich kann nicht Auswendig  drei Regierungschefs von afrikanischen Ländern nennen.

Weitere verletzende Klischees

Bei der Recherche für den Text sind mir dann auch noch weitere unschöne Formulierungen im Almanach aufgefallen.

Aranien und Perrikum

„In vielen Details ähnelt Aranien der ehemaligen englischen Kolonie Indien, vor allem in der höfischen Prachtentfaltung und bei der Vorliebe für Schmuck und schöne Dinge. “ -AA

Warum muss denn Indien auf seine koloniale Vergangenheit reduziert werden? Es entsteht geradezu der Eindruck als ob Pracht und Ästhetik erst durch die englischen Besatzer nach Indien gebracht werden mussten. Wieder eine unglückliche Formulierung.

Kalifat und Wüste Khom

Während für die europäischen Region die Geschichte umgeschrieben und eine progressive Frauenpolitik gesetzt wurde, so ist ausgerechnet die Region, die sich an das muslimische Arabien anlehnt, sexistisch. (AA- S.61) Die  Parallelen zwischen Rastullah-Glauben und Islam sind augenfällig. Die Botschaft, welche unbewusst mitgesendet wird: ein nicht sexistischer Islam ist nicht denkbar. Deshalb muss neben dem matriachalischen Gebiet auch ein Patriarchat existieren. Das dann auch noch bei einer Vielzahl von Göttern ausgerechnet Rastullah einer der wenigen sein soll, der seinen Gläubigen keine Wunderkraft schenkt erinnert an das Mindset der Kreuzzüge. In einer Welt in der Götter so gegenwärtig sind, ist die Verweigerung von karmalem Wirken für den „Dere-Islam“ auch eine Herabsetzung des realen Islam.

Vermutlich ist das alles keine Absicht, aber zumindest ein unglücklicher Zufall. Vielleicht erleben wir ja in Aventurisches Götterwirken III eine Überraschung und Rastuhlla steigt zum „vollwertigen“ Gott auf.

Die Gefangenen von Santobal

Mit Vorfreude habe ich „die Gefangenen von Santobal“ gekauft: Endlich mal in Spartakus-Manier etwas gegen Sklaverei und Knechtschaft unternehmen. In der Einleitung wird sogar explizit daran gedacht, dass hier ein Weltmensch oder Utulu Held besonders passend wäre. Eine gute Sache, das war bei DSA bisher Mangelware. Aber eigentlich wird die Sklaverei hier nur zum Problem, weil dort eine reiche weiße Person verschleppt wurde. Die Helden begeben sich auf Rettungsmission zur Insel Santobal, eine Südmeerinsel mit tödlichem Arbeitslager. Die indigene Bevölkerung der Insel, welcher man im Verlauf des Abenteuers begegnet wird als mit Blasrohren bewaffnete „Menschenfresser“(Anführungszeichen nicht im Original) beschrieben. Das Blasrohre aller Wahrscheinlichkeit nach nicht für die Jagd auf Menschen eingesetzt werden sondern eher Bögen, zeigt, das hier wenig Fachwissen vorhanden ist. Es werden übelste kolonialistische Klischees  vom brutalen Wilden bedient. Nicht als Ingametext sondern in der Beschreibung. Das wird zwar in eine längere Beschreibung eingebettet (dass die auf Santobal ansässigen Utulu ungewöhnlich brutal sind und auch von anderen Utulu als verwildert angesehen werden), aber dem Abenteuer würde absolut nichts fehlen, wenn die Indigenen der Strafinsel einfach „nur“ Krieg mit Al‘Anfa führen würden.  Man hätte wenigstens das Wort „Menschenfresser“ in Anführungszeichen setzen können, oder eine andere Art der Distanzierung vom Label wählen können. Das Abenteuer stellt auch noch im späteren Verlauf einen schwarzen Mann in einer wichtigen positiven Rolle da.

In Interviews zum Abenteuer war zu erfahren, dass das Abenteuer für ein beliebiges Gefängnis geplant wurde, und das Setting nachträglich festgelegt wurde. Hier wäre etwas mehr Behutsamkeit sicherlich gut gewesen. Und jetzt ist im Meisterpersonen Kartenset eine der wenigen schwarzen Personen wieder grausam und hasserfüllt. Das ist ungeschickt.

Ich unterstelle den Autor*innen des Abenteuers nicht, Rassismus oder Kolonialismus gutzuheißen. Begreift man Rassismus als System, so kann man auch sehen, dass Menschen rassistisch schreiben und handeln können ohne ein „schlechter Mensch“ zu sein. 

Interview mit der Rassismus Forscherin Aylin Karabulut ab 12:50 wird auch Rassismus als Struktur erklärt

Mein Grund dafür die Vorbereitung abzubrechen war dann auch ein anderer: Mir ging die Darstellung des Leids und der Gewalt in der Mine von Santobal zu nahe. Diese von mir gewünschte Beschreibung des Leidens unter Kolonialismus findet im Abenteuer nämlich auch statt. Rollenspiele sind für mich viel intensiver als Bücher oder Filme. Ich will nicht als Spielleitung einen Minenaufseher verkörpern und dann gespielte Gewalt an Unschuldigen ausüben. Dieser Ekel ist glaube ich auch eine wertvolle Erfahrung. Vielleicht schaffe ich das mal zu einem anderen Zeitpunkt. Jetzt liegt der Band bei mir auf Eis. Dafür habe ich mich ein wenig in die Kolonialzeit eingelesen. Auch eine Erfahrung, die ich ohne dieses Abenteuer so wohl nicht gemacht hätte.

Die Ikonen Aventuriens – nur echt mit hellem Teint?

Die ikonischen Helden sollen vermutlich die Bandbreite Aventurien darstellen. Aber warum wird die tulamidische Magierin, die es immerhin auf das Cover geschafft hat, so blass dargestellt? Im aventurischen Almanach lesen wir über die Tulamidenlande: „[Dort] lebt ein temperamentvoller Menschenschlag, der sich besonders durch seinen gebräunten Teint […] von den Nachfahren der güldenländischen Einwanderer unterscheidet.“ AA S. 14

Cover der Heldendokumente, die Frau in roter Kleidung ist Mirhiban al’Orhima

Mirhiban ist wohl ein Neologismus aus dem Axel Spor Wörterbuch und basiert auf dem irdischen Namen Mihriban, vielleicht Absicht zur Suchmaschinenoptimierung. Was wir hier aber eindeutig sehen können ist, dass Frau al’Orhima praktisch nie unterscheidbar dunkler als ihre Kolleg*innen mit güldenländischer Abstammung dargestellt wird. Bestimmt hat sich niemand bei Ulisses für dieses whitewashing entschieden. Die Artdirektorin von DSA5, Nadine Schäkel, erklärt in einem Panel CCXP ein wenig wie Illustrationen, und vor allem auch Fehler in Illustrationen, zustanden kommen. Der Stil von DSA soll mit seinen gesättigten Farben junge Menschen ansprechen. Ich konnte dort keinen Grund erkennen, warum die Feuermagierin so hell sein muss und vor allem warum sie weiterhin so hell gemalt wird. Daher habe ich auf Twitter nachgefragt: 

Quelle https://twitter.com/NadineSchaekel/status/1201928898897960961

Ich finde nicht, dass Miri dunkler dargestellt wird. Ich finde auch nicht, dass es plausibel ist, dass sie während ihrer Abenteuer so blass bleibt. Ich kenne indische Informatikstudis , diese sehen alle immer noch deutlich dunkler aus als ich.

Dadurch, dass die Ikonen überall auftauchen entsteht der Effekt, dass im Dornenreich mehr europäisch aussehende Figuren vor Kamelen stehen, als Menschen, die  südländisches Aussehen haben. Die Botschaft, die impliziert verkündet wird ist: hellhäutige Charaktere passen überall hin. Und das ist auch super für die bisherigen (weißen) Fans. Für neue Fans wäre es schön, wenn Fatima genauso wie Friderike eine Identifikationsfigur hätten. In der neuen Einsteigerbox haben wir mit Hesindian auch eine Figur mit dunklerer Hautfarbe dabei. Das ist gut!

Achtung Rollenspielpolizei!

Eine Frage die sich die Gesellschaft gerne öfter Stellen kann.Quelle u/woah_man809

Aber was soll das ganze jetzt?  – „Dürfen“ jetzt nur noch „Einheimische“ über „ihre“ Kultur schreiben? „Darf“ jetzt keine Sklaverei oder sonstiges Unrecht vorkommen? Darum geht es nicht. Mir ist es egal, was erwachsene Menschen konsensuell hinter verschlossenen Türen tun. Egal ob das jetzt im Schlafzimmer oder am Spieltisch ist.

Aber Ulisses ist eben nicht im „stillen Kämmerlein“ sondern der größte deutschsprachige RPG Verlag. Meistens wird Kritik geäußert, weil man das Kritisierte gerne ändern möchte. Nur autoritäre Charaktere möchten ein Kunstwerk vernichtet sehen, weil sie es kritisieren.

Sprache und Denken haben eine Wechselbeziehung. Nicht wenige Linguisten glauben, dass Sprache das Denken formt. Populisten wissen es.

Also was für eine Darstellung von Marginalisierten Gruppen wünsche ich mir? Nehmen wir ein positives Beispiel: Die besondere Leistung des Films Black Panther war nicht einfach „nur“ die meisten Rollen mit schwarzen Menschen zu besetzen. Das besondere war, wie sie gezeigt wurden. Sie wurden stark, fortschrittlich und differenziert präsentiert. Der Film hat auch seine Schwächen. Es geht aber nicht um diesen Film, sondern darum, dass man durchaus Abenteuer mit dunkelhäutigen und schwarzen Menschen erzählen kann, die nicht Stereotype reproduzieren. Das ist auch gelungen weil Menschen aus den Kulturen, an denen sich der Schauplatz „Wakanda“ orientiert bei der Produktion beteiligt waren.

Was ich mir vom deutschen Rollenspiel – und das heißt zum Löwenanteil eben auch: vom Ulisses-Verlag – wünsche ist, dass mehr verschiedene Perspektiven dargestellt und gehört werden. Das kann dann auch heißen aus Menschenliebe auf bestimmte Klischee-behaftete Darstellungen zu verzichten. Von den Schöpfer*innen von DSA erhoffe ich mir, dass sie weiterhin fortschrittlich im Umgang mit marginalisierten Gruppen sind und noch mehr mit statt über die Gruppen zu schreiben.

Die Meridiana Spielhilfe befindet sich ja gerade in Entwicklung. Das wäre die ideale Möglichkeit, sich dort in DSA5 neu auszurichten. Vom Collectors Club oder von externen Experten kritisch gegen-gelesen, hat die Spielhilfe gute Chancen Kolonialismus mit Mitgefühl für die realen Opfer zu thematisieren. Ich weiß, dass der Wille dazu da ist. Ich wünsche viel Erfolg dabei. Spätestens seit Wege der Vereinigungen ist man bei Ulisses für rassistische Klischees gegen schwarze Menschen sensibilisisert.

Ich bin mir erst vor kurzem etwas bewusster geworden, wie sehr Kolonialismus mein denken geprägt hat und wie allgegenwärtig diese Einflüsse sind. Daher will ich diesen Text nicht als Vorwurf verstanden wissen, sondern als Einladung zur Reflektion. Nicht nur für Redaktionen und Autoren sondern auch für das Publikum.

Links

Englische Links

  • PoCGamer.com decolonization-and-integration-in-dd .
  • Beholder Podcast: Decolonize DnD -Episode 10 of Behold Her is all decolonizing Dungeons & Dragons. Host Lysa Penrose (@mercyfuldm) chats with Tristan Tarwater (@backthatelfup) who inspired this episode organizing and moderating a Emerald City Comic Con panel on the topic. Then, Lysa interviews Kienna Shaw (@kiennas) about RPGs beyond the western lens and about her RPG safety toolkit. Afterwards, Jessica Ross (@writejessr) shares her tips on decolonizing
Befreiungskampf in Haiti.

Edits: Es gab Rückmeldung das Uthuria ist eher an Südamerika angelehnt. Die Orklande eher die Mongolei sein sollen als Nordamerika. Ich danke für diese Anmerkungen.

6 Kommentare zu „Kolonialistische Elemente in „Das Schwarze Auge“

  1. Find ich gut und wichtig, dass du diese (überfällige) Diskussion angestoßen hast. DSA spielt mit vielen Klischees, auch im westlich-mittelalterlich geprägten Mittelreich und angrenzenden Gebieten. Im Süden und den Tulamiden Landen hat es aber tatsächlich eine koloniale und teils rassistische Komponente, sicherlich bedingt durch die ursprünglichen Setzungen aus den 80er Jahren. Das ist wie du richtig sagst, vermutlich auch nicht politisch oder böse gemeint, sondern einfach nur der Spielbarkeit für exotische Abenteuer geschuldet. Hier bietet die kommende RSH in den dampfenden Dschungel die große Gelegenheit, den Fokus zu verrücken und den „Stämmen“ der Mohas und Utulus die Chance zu geben, ihre eigene Perspektive darzustellen. Und andere Settings anzubieten als nur Conquista und Entdeckerszenarios. Und eben auch dunkelhäutige Helden bzw. NSCs positiver und sympathischer zu präsentieren. Ich hoffe, das wird umgesetzt.

    Gleiches könnte man übrigens auch bei den Orks monieren. Bei den Goblins wird ja bereits versucht, das alte Klischee des tumben Monsterfutters aus der Frühzeit von DSA aufzubrechen.

    Wie wird das Thema der Hautfarbe eigentlich bei Live Rollenspiel gehandhabt? Spielen dort nur Weiße oder hätten dunkelhäutige Deutsche dort die Möglichkeit auch andere Charaktere als Utulus und tulamidische Magier zu spielen?

    Ich selber habe Ethnologie studiert, aber dennoch mit Freude bis zu einem gewissen Grad auch gerne exotische Klischee-Settings in Sklavenhalter-Staaten wie Al’Anfa gespielt. Man sollte die Spieler in den offiziellen Publikationen animieren, auch die andere Perspektive des „Fremden“ einzunehmen. Das könnte eine Bereicherung für alle sein, die eigene Gruppe und die ganze Community. DSA wird laufend weiter entwickelt und an die Ist-Zeit angepasst. Warum nicht auch beim hier genannten Thema „Kolonialistische Vorurteile“.

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  2. Was ich hinzufügen möchte ist Das Bornland als Entsprechung der Länder des Deutschen Ordens und den Umgang mit Kolonialismusthemen in der Theaterritterkampagne. Dort werden die kolonialen Tropes des Rollenspiels hinterfragt.
    In Das Dornenreich (2019) entfernen sich die indischen Einflüsse vom Kolonialen Indien, das im Aventurischen Alamanach (2015) genannt wird. 5 Jahre sind auch irdisch einige Zeit und die meisten von uns waren vor 5 Jahren anders sensibilisiert als heute.

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  3. Auf der „Karte“ Aventuriens sehe ich das Bornland als unbeschriftet. Es ist im weitesten Sinne an Osteuropa und das russische Zarenreich angelehnt

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  4. Danke für diesen wichtigen Artikel!

    Ich spiele seit vielen Jahren gerne DSA (und das wird sich auch nicht so schnell ändern), aber über einige der problematischen Elemente des aventurischen Weltenbaus (allen voran kolonialistische und rassistische) wird mMn zu wenig diskutiert – und diese stammen eben nicht „nur“ aus den Anfangsjahren des Spiels, sondern setzen sich bis in aktuelle Editionen fort (auch wenn man in den letzten Jahren merkt, dass der Sensibilisierungsprozess voranschreitet).

    Wie du schon schreibst, soll diese Diskussion nun nicht den Vorwurf beinhalten, dass die Autor*innen allesamt „böse Rassist*innen“ sind, aber ich bin überzeugt, dass hier gerade bei aktuellen und zukünftigen Veröffentlichungen noch Luft nach oben ist, durch Einbindung von own voices usw.

    Und natürlich können wir alle dazu beitragen, dass „unser“ Aventurien auch an den Spieltischen noch diverser wird :-).

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